Strukturbildung und Evolution

Wollen wir uns ein objektives Bild von der menschlichen Gesellschaft machen (objektiv etwa im Sinne von Thomas Nagel), so müssen wir die Entwicklung der Menschheit auf der Erde in Gedanken von außerhalb betrachten und das Ganze tatsächlich als eine sich selbst entwickelnde Naturerscheinung ansehen. Vor allem dürfen wir dabei die geistigen Aktivitäten bis hin zum weltumspannenden Informationsaustausch in Wirtschaft, Kunst und Wissenschaft nicht als etwas außerhalb der materiellen Welt Stehendes beiseite lassen, sondern müssen es als Teil der sich entwickelnden natürlichen Strukturen behandeln. In einer objektiven Betrachtungsweise hat das (damit natürlich nicht geleugnete!) subjektive Problem der Willensfreiheit des Individuums keinen Platz. Jeder reagiert nach den ihm innewohnenden Gesetzen, die in ihren Grundzügen allen Menschen gemeinsam sind und natürlich von Individuum zu Individuum variieren, auf die äußeren, mehr oder weniger starken Einwirkungen und Zwänge.
In der Gesellschaft entstehen also Strukturen, die nicht nur durch vorwiegend materielle Kopplungen wie gemeinsame Nutzung von Häusern, Landstrichen usw. realisiert werden, sondern durch ein heute schon den ganzen Globus umspannendes Geflecht oder Netz aus Informationsbeziehungen (die natürlich auch über irgendwelche materiellen Übertragungskanäle geleitet werden, deren Natur aber nebensächlich ist). Objektiv müssen wir diese Strukturen als ein Naturphänomen ansehen. Das ist schwer, denn wenn wir glauben, dass wir sie aus freien Willen und nur mit unserer Kraft und Intelligenz erfunden und geschaffen hätten, meinen wir, wir könnten sie, wenn wir nur wollten, völlig willkürlich verändern – oder wir gelangen zu dem fatalistischen Schluss, wir könnten gar nichts ändern. Solche Überlegungen haben aber in einer objektiven Betrachtung nichts zu suchen.
Die einzelnen gesellschaftlichen Formationen stellen also etwas Gewachsenes dar, entstanden wie alles Leben durch die Potenz der Materie zur Selbstorganisation, die sich in sehr primitiven und für uns noch teilweise überschaubaren Anfängen in den sog. „dissipativen Strukturen“ (einschließlich der turbulenten Strukturen) zeigt und die nach unserer Vorstellung auch bei der Entstehung und Entwicklung des Lebens eine wichtige Rolle spielt. Obwohl von diesen primitiven Anfängen bis zu biologischen Vorgängen noch ein sehr weiter Weg ist, können wir an diesen primitiven Erscheinungen grundsätzliche Dinge erkennen, durch die sich zumindest ein besseres Verständnis der natürlichen Entwicklungen ergibt, als wir ohne das Studium dieser einfachen Modelle hätten. Um es durch Längen auszudrücken: Wenn uns noch zehn Meter zum Verständnis der Lebensvorgänge fehlten, so brachte uns das Studium der Strukturbildung bei dissipativen Vorgängen diesem Verständnis vielleicht zehn Millimeter näher. Die Beschreibung und Erklärung der Evolution unter Berücksichtigung der Strukturbildung und Selbstorganisation ist sicherlich ein gewisser Fortschritt, aber noch nicht die Lösung des Problems der Evolution.
Was lehrt uns aber die Betrachtung der Selbstorganisation und der dissipativen Strukturen?
Dissipative Strukturen entstehen oft aus zufälligen Schwankungen. Wenn eine Störung, Änderung oder dgl. so geartet ist, dass sie selbst die Voraussetzungen für ihr Anwachsen schafft, dann wird sie kräftiger. Das Anwachsen besteht zumeist darin, dass sie von der Umgebung Energie oder Masse aufnimmt. Bei einfachen anorganischen Vorgängen ist es also oft der „reine Zufall“, der den Anstoß gibt. Die Dynamik der jeweiligen Anordnung trifft aus den zufälligen Anstößen eine Auswahl – dadurch treten vorzugsweise bestimmte Bewegungsformen, bestimmte Strukturen auf. Es ist nun die Frage, ob bei bereits höher organisierter Materie wirklich nur der „reine Zufall“, die unkontrolliert von außen wirkenden Einflüsse, eine Rolle spielen, oder ob eine bereits vorhandene Organisation so geartet sein kann, dass sie dem Zufall zielgerichtet nachhelfen kann, z. B. durch Vorauswahl, aufsuchen günstigerer Bedingungen usw. Wie auf der untersten Stufe die sich selbst reproduzierende Bewegung den Vorteil hat und bei nächster Gelegenheit entsteht, so können auf einer höheren Stufe für bestimmte Strukturen neue Vorteile entstehen, die nicht nur ein Übergewicht gegenüber anderen Strukturen erzeugen, sondern auch die mögliche Entwicklungsgeschwindigkeit erhöhen.
Wir können uns heute nicht recht vorstellen, wie das zustande kommen kann. Wenn wir aber einmal die Entwicklung der menschlichen Wissenschaft, Technik, Wirtschaft und Staatenbildung frei von allen subjektiven Betrachtungen als Naturvorgang begriffen haben – so, als wären wir gar nicht beteiligt und könnten wirklich nichts ändern – dann fällt uns vielleicht auch ein, was auf niederen Entwicklungsstufen möglich sein könnte.