Naturwissenschaften und Philosophie

Hans-Joachim Mascheck
Naturwissenschaften und Philosophie
Die Philosophie war seit jeher vielen ein Ärgernis. Athen verurteilte Sokrates. Auch das republikanische Rom sah sich durch die Philosophie bedroht und wies schließlich die Philosophen aus. Später waren es die Philosophen selbst, die in den Einleitungen ihrer Werke ihre Unzufriedenheit mit der vorgefundenen Philosophie zum Ausdruck brachten. Im 19. Jahrhundert begann eine Kontroverse zwischen der Philosophie und den Naturwissenschaften, die bis heute noch nicht beendet ist. In der Einleitung seiner Rede zur Einweihung des Kant-Denkmals in Königsberg am 27.2.1855 kennzeichnete Hermann v. Helmholtz den Zustand mit den Worten: „Weiß man nicht allgemein, dass Naturforscher und Philosophen gegenwärtig nicht gerade gute Freunde sind, wenigstens in ihren wissenschaftlichen Arbeiten? Weiß man nicht, dass zwischen beiden lange Zeit hindurch ein erbitterter Streit geführt worden ist, der neuerdings zwar aufgehört zu haben scheint, aber jedenfalls nicht deshalb, weil eine Partei die andere überzeugt hätte, sondern, weil jede die andere zu überzeugen verzweifelt ist. Man hört die Naturforscher sich gern und laut dessen rühmen, die großen Fortschritte in der Wissenschaft in der neuesten Zeit hätten angehoben von dem Augenblicke, wo sie ihr Gebiet von den Einflüssen der Naturphilosophie ganz und vollständig gereinigt hätten“. Nach der Schilderung der zu Zeiten Kants und Fichtes bestehenden engen Verbindung zwischen den Naturwissenschaften und der Philosophie fährt er fort: „Aber als nach seinem (Fichtes) Tode Schelling die Wissenschaft des südlichen, Hegel die des nördlichen Deutschlands beherrschte, hub der Zwist an. Nicht mehr zufrieden mit der Stellung, welche Kant ihr angewiesen hatte, glaubte die Philosophie neue Wege entdeckt zu haben, um die Resultate, zu denen die Erfahrungswissenschaften schließlich gelangen müssten, im voraus auch ohne Erfahrung durch das reine Denken finden zu können. Sie verzweifelte nicht, alle höchsten Fragen über Himmel und Erde, Gegenwart und Zukunft in ihr Bereich ziehen zu können.“ Zu der erfolgreichen Verbreitung dieser Philosophie bemerkt Helmholtz: „Wer sollte nicht den kurzen, selbstschöpferischen Weg des reinen Denkens der mühevollen, langsam fortschreitenden Tagelöhnerarbeit der Naturforschung vorzuziehen geneigt sein?“ Nun bewirke der Aufschwung der Naturwissenschaften einen Meinungsumschwung in das andere Extrem. „Die Philosophie hatte alles in Anspruch nehmen wollen, jetzt ist man kaum noch geneigt, ihr einzuräumen, was ihr wohl mit Recht zukommen möchte.“
Tatsächlich sind die Beziehungen zwischen der Philosophie und den Naturwissenschaften bis heute gelinde gesagt sehr unbefriedigend. Der an das „Dreistadiengesetz “ von Auguste Comte anknüpfende, besonders von philosophierenden Naturwissenschaftlern (Ernst Mach, Wiener Kreis) gepflegte und ausgebaute Positivismus durchschnitt das Band zu den anderen philosophischen Richtungen, indem er Fragen als sinnlos bezeichnete, die nicht mit den Mitteln der Naturwissenschaft entschieden werden können. Er verfehlte jedoch das Ziel einer philosophischen Begründung der Naturwissenschaften. Es gelang weder das als wichtig erkannte Problem der eindeutigen verbalen Beschreibung von Sachverhalten (Basissätze, Kontrollsätze), noch das anscheinend völlig übersehene Problem der Auffindung neuartiger Ansätze (Paradigmen nach Kuhn) zu lösen. Als Erbe hat uns dieser Positivismus eine unzutreffende Charakterisierung der Naturwissenschaften hinterlassen, die sich nachteilig auf die Weiterentwicklung der Philosophie in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ausgewirkt hat.
Wenn es keine Berührungspunkte zwischen der Philosophie und den Naturwissenschaften gäbe, dann wären ihre gegenseitigen Beziehungen kein Problem. Tatsächlich gibt es aber nicht nur Berührungspunkte, sondern beide sind geradezu auf einander angewiesen, wenn sie vorankommen wollen. Dass die Wurzel der Naturwissenschaften in der Philosophie liegen, ist allgemein bekannt. Das ist aber keine einmalige Angelegenheit. Die Ideen, mit denen der Naturforschung die einheitliche theoretische Beschreibung scheinbar widersprüchlicher Erscheinungen (z. B. gleiche Lichtgeschwindigkeit in gegeneinander bewegten Systemen) oder scheinbar voneinander unabhängiger Erscheinungen (z. B. Mechanik und Wärme) gelang, entstanden in der Philosophie und wurden dort bereit gehalten. Es ist dabei durchaus nicht wichtig, ob etwa Schellings Naturphilosophie von 1799 mit ihrer Annahme eines inneren Zusammenhangs aller Naturerscheinungen die Naturforschung des 19. Jahrhunderts unmittelbar beeinflusste, beispielsweise Örsteds Forschungen über den Zusammenhang zwischen Magnetismus und Elektrizität oder die Arbeiten von Boltzmann, Planck, Einstein u. a. bezüglich des Zusammenhangs zwischen den Gesetzen der Mechanik, der Thermodynamik und der elektromagnetischen Strahlung, d. h. dessen, was man heute „Einheit der Physik“ nennt. Auch dann, wenn diese Naturwissenschaftler ohne jede Anregung von außen, ohne den von der professionellen Philosophie beeinflussten Zeitgeist, allein auf Grund der durch die eigene Naturanschauung gewonnenen inneren Überzeugung gehandelt hätten, wären es doch philosophische, metaphysische, außer-naturwissenschaftliche Überlegungen, die die Richtung ihrer Forschungen und ihre theoretischen Ansätze bestimmten. Wohin der konsequente Ausschluss jeglicher Metaphysik aus der naturwissenschaftlichen Forschung führen würde, hat der teilweise erbittert geführte Kampf von Ernst Mach und Wilhelm Ostwald gegen Ludwig Boltzmann anschaulich gezeigt. Tatsächlich schufen aber Boltzmanns Arbeiten, die sich auf die „metaphysische“ und nach Ansicht seiner Gegner „unwissenschaftliche und niemals beweisbare“ Hypothese der Existenz von Atomen stützten, letztlich die Voraussetzungen für die Entdeckung des Wirkungsquants durch Max Planck. Auf der anderen Seite ist aber auch die Philosophie für Ihren Fortschritt auf die Ergebnisse der Naturwissenschaft angewiesen, ohne deren Berücksichtigung sie ihrer Aufgabe nicht gerecht werden könnte.
Tatsächlich ist aber zwischen den Naturwissenschaften und der Philosophie „viel Sand im Getriebe“. Bei gleicher Umgangssprache haben Naturwissenschaftler und Philosophen unterschiedliche Fachsprachen, in denen auch gleichlautende Wörter nicht Gleiches bedeuten. Das erschwert die Verständigung ungemein und führt bei schwierigeren Fragen oft zu unbefriedigendem Abbruch des Dialogs. Wenn sich dennoch beide Seiten ernsthaft bemühen, den Sinn der Äußerungen des Partners richtig zu verstehen, trifft man auf Unterschiede grundsätzlicher Art, deren letzte Ursache ein falsches Bild des anderen Faches ist, das dann auch zu falschen Vorstellungen über die gegenseitigen Beziehungen führt.
Den Naturwissenschaften wurden im Laufe der Zeit verschiedene Bezeichnungen zugeordnet, die nicht nur als Unterscheidungsmerkmale der Einordnung dienen, sondern auch das Wesen bezeichnen sollten. Die Bezeichnung empirische Wissenschaften ist auf die anfängliche starke Betonung von Beobachtungen und Versuchen  zurückzuführen. Heute hat sich der Schwerpunkt so stark auf die mathematische Theorie verlagert, dass diese Bezeichnung zwar nicht falsch ist, aber das Wesen nicht mehr trifft – ganz abgesehen davon, dass auch die Philosophie und die Geisteswissenschaften ohne empirische Grundlage nicht möglich wären. Zuweilen wird von Realwissenschaften gesprochen; aber auch dagegen wäre einzuwenden, dass es durchaus fraglich ist, ob dem Gegenstand der Naturwissenschaften mehr Realität zukommt als den Gegenständen der Philosophie und der Geisteswissenschaften. Manche halten das Zählen und Messen für ein eindeutiges Unterscheidungsmerkmal. Das ist es aber nicht mehr, nachdem die Mathematik bereits in die Sprachwissenschaft Einzug gehalten hat. Ein wesensbestimmendes Merkmal ist es keinesfalls. Messen ist nur genaueres Beobachten und Vergleichen; im Vordergrund stehen auch in den Naturwissenschaften die Dinge, Eigenschaften, Vorgänge usw., d. h. die Qualitäten, an denen die Handlungen des Zählens, Beobachtens und Vergleichens ausgeführt werden.
Wilhelm Dilthey sah den Unterschied zwischen den Natur- und Geisteswissenschaften darin, dass wir die Natur erklären, aber das Seelenleben verstehen. Damit lenkte er die Aufmerksamkeit auf die Zielstellungen. Seither hat in der Philosophie die Ansicht eine gewisse Verbreitung gefunden, das Ziel der Naturwissenschaften sei die Erklärung der beobachtbaren Vorgänge. So lange man den Begriff der Erklärung nicht weiter präzisiert, kann man darin durchaus etwas Richtiges sehen, wenn es auch nicht das Hauptziel der Naturwissenschaften trifft. Versteht man jedoch Erklärung im Sinne von Carl G. Hempel, dann ist die Ansicht geradezu falsch, und die daraus gezogenen absurden Schlussfolgerungen können kaum noch Erstaunen hervorrufen.
Was aber ist tatsächlich das letzte Ziel der Naturwissenschaften, wenn man über die unterschiedlichen Ziele der einzelnen Naturwissenschaftler hinausgeht? Welchem Ziel sehen wir die Naturwissenschaften objektiv, d. h. intersubjektiv nachweisbar, zustreben? Noch vor zwei Jahrhunderten stellten die Naturwissenschaften im wesentlichen eine Sammlung von empirischen Ergebnissen dar, die getrennten Bereichen – Mechanik, Licht, Wärme, Elektrizität, Magnetismus, Chemie, Botanik, Zoologie usw.- zugeordnet wurden. Die verschiedenen Erscheinungen innerhalb der einzelnen Bereiche wurden erst allmählich – nach dem Vorbild der Mechanik – theoretisch miteinander verknüpft bzw. aufeinander zurückgeführt. Heute sind die Bereiche zusammengewachsen. Erscheinungen, die einst voneinander unabhängig und von ganz unterschiedlicher Qualität zu sein schienen, erwiesen sich als spezielle Realisierungen derselben allgemeinen Gesetze. Mit der Zunahme des Umfangs und des Grades der inneren Verflechtung der naturwissenschaftlichen Theorien verlagerte sich die Initiative für die Weiterentwicklung von der experimentellen Forschung immer mehr auf die Theorie, die nun in der Regel der experimentellen Forschung die Aufgaben stellt, deren Ergebnisse sie für ihre Weiterentwicklung benötigt. Das bedeutet nicht, dass es gar keine eigenständige experimentelle Erkundungsforschung mehr gibt, und schon gar nicht, dass die Bedeutung der Experimente geringer wird. Die Aufgaben, die heute die Theorie stellt, sind umfangreicher und schwieriger zu lösen als die, welche sich die Experimentatoren früher selbst stellten.
Das Ziel, dem die Naturwissenschaften zustreben, ist die Schaffung einer einheitlichen, d. h. in sich durch logische und mathematische Beziehungen verknüpften und widerspruchsfreien, Theorie aller Naturvorgänge. Wir wissen heute, dass wir dieses Ziel zwar nie erreichen, dass wir uns aber diesem Ziel immer weiter nähern können, indem wir die vorhandene Theorie mit allen ihren Schlussfolgerungen nach allen Richtungen hin überprüfen und den gefundenen Abweichungen entsprechend korrigieren oder neu formulieren. Wir wissen auch, dass das Problem der theoretischen Behandlung von Vorgängen mit komplexer innerer Struktur, bei denen die beteiligten Elementarprozesse an sich bekannt sind, noch nicht befriedigend gelöst ist und sehr kontrovers diskutiert wird. Alles das beeinträchtigt aber nicht die grundsätzliche Zielstellung.
Die naturwissenschaftliche Theorie ist ein System von Aussagen, die untereinander durch logische und mathematische Beziehungen verbunden sind. Mathematische Beziehungen sind jedoch nichts anderes als sehr komplexe logische Beziehungen – sonst könnten wir sie auf Computern, die letztlich nur umfangreiche Kombinationen der ein- bzw. zweistelligen logischen Operationen „nicht“ (not) und „sowohl als auch“ (and) realisieren, gar nicht darstellen. Da auch die Philosophie und die Geisteswissenschaften im Kern Systeme von logisch verknüpften Aussagen enthalten, reduziert sich der Unterschied gegenüber den Naturwissenschaften auf die mehr oder weniger große Komplexität der logischen Beziehungen, ist also ein rein quantitativer. Auch wird, wie schon erwähnt, in jedem Falle eine empirische Basis genutzt, so dass auch das nicht zur prinzipiellen Unterscheidung herangezogen werden kann. Der wesentliche Unterschied liegt jedoch in der Art und Weise dieser Nutzung, und gewisse Anwürfe, die von Seiten der Naturwissenschaften gegen die Philosophie erhoben wurden, lassen sich auch dahingehend interpretieren, dass die Philosophie empirische Aussagen nicht in der Art der Naturwissenschaften nutzt und nutzen kann.
Die Besonderheit der Naturwissenschaften besteht darin, dass sie nicht nur aus Erfahrungen und bekannten Tatsachen allgemeine Sätze herleiten und durch logische Kombination derselben eine Theorie entwickeln, sondern danach trachten, alle Schlussfolgerungen aus der Theorie durch eigene Beobachtungen zu kontrollieren und gegebenenfalls die Theorie zu ändern. Hier realisiert sich der Grundsatz der Aufklärung, nicht blind den überkommenen Lehren zu vertrauen, sondern alles selbst zu überprüfen und mit eigenen Erfahrungen zu vergleichen. Dabei beschränken sich die Naturwissenschaften nicht auf zufällige Erfahrungen, sondern führen gezielt Versuche durch.
Es ist jedoch nicht sinnvoll, die Möglichkeit der Durchführung gezielter Versuche zur Kennzeichnung der Naturwissenschaften zu verwenden, denn auch hier sind die Möglichkeiten durchaus begrenzt. Man kann weder einen Vulkanausbruch noch ein bestimmtes Wettergeschehen willkürlich erzeugen (Modelluntersuchungen müssen hier außer Betracht bleiben, da man solche auch in anderen Wissenschaften anstellen kann). Betrachtet man als wesentlich, dass es beliebige Aktivitäten zur Prüfung von Aussagen und Schlussfolgerungen aus der jeweils vorhandenen Theorie mit dem Ziel der Verbesserung dieser Theorie gibt – Durchführung von Versuchen, Expeditionen, Ausgrabungen, Nachforschungen nach alten Schriften usw. – dann werden dadurch alle Natur- und Geisteswissenschaften erfasst. Da es aber hier nicht auf die Abgrenzung gegen die Geisteswissenschaften ankommt, sondern auf die Beziehungen zur Philosophie, kann man diesen Satz so stehen lassen.
Die Philosophie unterscheidet sich demnach dadurch von den Wissenschaften, dass sie auf eine gezielte detaillierte Überprüfung ihrer theoretischen Schlussfolgerungen durch Beobachtungen verzichtet. Das ist vermutlich mit der oft geäußerten Ansicht gemeint, die Philosophie sei keine Wissenschaft. Welchen Sinn hat aber eine Theorie, die auf die Überprüfung ihrer Aussagen verzichtet? Aus positivistischer Sicht keinen. Doch es hat sich erwiesen, dass ein radikaler Positivismus zur Sterilität der wissenschaftlichen Theorien führt, dass wir immer wieder auf Gedanken zurückgreifen müssen, die bisher noch nicht überprüft werden konnten und für die auch noch keine Überprüfungsmöglichkeit denkbar schien. Solche Gedanken müssen schon da sein, wenn sie gebraucht werden, so wie man ein Werkzeug auch nicht erst dann anfertigen kann, wenn man es braucht. Solche Gedanken müssen „auf Vorrat“ entwickelt werden, vor allem sind auch ihre logischen Beziehungen zu anderen Gedanken zu untersuchen. Das alles kostet Zeit. An manchen Problemen arbeiten Generationen. Würde man alles verwerfen, was im Augenblick nicht überprüfbar scheint, so würde man wichtige Erkenntnisquellen verstopfen.

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