Grenzen der Erkenntnis

Um eine Vorstellung von den möglichen Grenzen der Erkenntnis zu bekommen, nutzt man Bilder und Gleichnisse. In der Regel stellt man sich Wesen vor, deren Sinneswahrnehmungen gegenüber den unseren eingeschränkt sind, und überlegt, wie diese Einschränkung die Weltsicht und das Erkenntnisvermögen verändert. Beispiele dafür sind
Das Platonsche Höhlengleichnis: Gefangene, die in einer Höhle angekettet sitzen, nicht hinaus gelangen können und nur die Schatten dessen sehen, was draußen vor sich geht.
Das zweidimensionale Wesen, das sich die Dreidimensionalität nicht vorstellen kann. Dieses Gleichnis wurde im Zusammenhang mit Raumkrümmung und höherdimensionalen Räumen erfunden.
Der Farbenblinde, der zwar alles Physikalische über die Farben weiß, aber nicht den Eindruck des Farbensehens kennt (Torin Alter: knowledge argument).
Diese Gleichnisse gehen davon aus, dass die Grenzen unseres Erkennens durch die Sinnesorgane gezogen werden. Gleichzeitig werfen sie die Frage auf, ob es nicht mit Hilfe des Verstandes möglich sei, diese Grenzen zu überwinden. Tatsächlich sind ja die Naturwissenschaften schon weit in den Bereich des mit den Sinnesorganen nicht Wahrnehmbaren vorgedrungen (zunächst messend und mathematisch, dann anschaulich interpretierend). Dieser Prozess läuft anscheinend unaufhaltsam weiter. Schon das 19. Jahrhundert hatte so viele wissenschaftliche Forschritte gebracht, dass an seinem Ende mancher meinte, es sei nur noch Kleinarbeit zu leisten. Nach dem, was im 20. Jahrhundert hinzu kam, wissen wir, das war ein Irrtum. W. Neundorf hat die Situation sehr treffend und einleuchtend charakterisiert. In „Zeitreise“ überlegt er, zu welchen Ergebnissen ein Physiker gegen Ende des 19. Jahrhunderts mit allen ihm damals zur Verfügung stehenden Kenntnissen und Untersuchungsmethoden wohl gelangt wäre, wenn man ihm einen heutigen Taschenrechner und eine CD vorgelegt hätte. In „Wissen wir, was wir nicht wissen? „ vergleicht er das mit der Lage, in der wir uns heute gegenüber der biologischen Evolution befinden, und er fragt im Hinblick darauf : „Haben wir es denn nicht in Wahrheit durchaus mit ‚Technologien‘ zu tun, die gegenüber den unsrigen einen Vorsprung haben, der sich nicht nach Jahrzehnten oder Jahrhunderten misst, sondern nach Jahrmilliarden?“
Was wir noch nicht wissen, ist offensichtlich viel mehr als das, was wir wissen, und wir haben nicht einmal eine Vorstellung davon, was uns noch an Erkenntnissen fehlt und bevorsteht. Das mag diejenigen zur Mäßigung mahnen, die glauben, mit den heutigen physikalischen, chemischen, biologischen und medizinischen Kenntnissen schon der Lösung der Rätsel des körperlichen Lebens und mit Informatik und künstlicher Intelligenz schon der Lösung der Rätsel des Geistes oder gar des Bewusstseins und der Seele nahe zu sein. Angesichts der ungeheuren Größe der Aufgabe und der völligen Ungewissheit darüber, was uns an neuen Erkenntnissen noch erwartet, wird die Beantwortung der Frage nach den Grenzen der Erkenntnis immer schwieriger. Es wäre gut, sie wenigstens für die Naturwissenschaften beantworten zu können. Mit der Kant’schen Einschränkung auf den „Bereich möglicher Erfahrung“ ist allerdings wenig gewonnen, da die Grenzen dieses Bereichs auch nicht leichter zu bestimmen sind als die Grenzen der Naturwissenschaften. Eine Antwort könnte man von einer Wissenschaftstheorie erwarten, die diesen Namen wirklich verdient. Eine solche hat uns das 20. Jahrhundert trotz vieler guter Ansätze noch nicht gebracht.