Die Aufgaben der Wissenschaftstheorie

Im Rahmen der philosophischen Erkenntnistheorie soll die Wissenschaftstheorie die Bedingungen, Möglichkeiten und Grenzen wissenschaftlicher Erkenntnis kritisch untersuchen. Aus der Sicht der Wissenschaften ist jedoch eine weiter gespannte Aufgabenstellung wünschenswert, die nicht nur auf die kritische Untersuchung der genannten Punkte, sondern auf die Schaffung einer umfassenden Theorie der wissenschaftlichen Erkenntnis hinausläuft, die u. a. auch die angewandten Methoden und deren historische Entwicklung, Effektivität usw. sowie die Mechanismen und Gesetzmäßigkeiten der Entwicklung der Wissenschaften und des wissenschaftlichen Fortschritts erfasst. Eine solche Wissenschaftstheorie sollte letztlich auch in der Lage sein, zu erklären, welche Faktoren den rasanten Anstieg der naturwissenshaftlichen Erkenntnisse in den vergangenen zwei Jahrhunderten möglich machten, mit welchen weiteren Entwicklungen gerechnet werden muss, aber auch, warum diese oder eine vergleichbare Entwicklung trotz vieler guter Gedanken nicht schon in früheren Jahrhunderten oder in anderen Kulturkreisen eintreten konnte, und schließlich auch, warum ein entsprechender Fortschritt auf gesellschaftlichen und ökonomischen Gebiet bisher nicht möglich war. Die Diskrepanz zwischen den Naturwissenschaften und den Geistes- und Sozialwissenschaften kommt ja dadurch zum Ausdruck, dass die jeweiligen Fachleute fast jede mit den Naturgesetzen verträgliche technische Aufgabe erfolgreich lösen können, aber den Problemen der Gesellschaft, der Wirtschaft und des Friedens immer noch ziemlich hilflos gegenüberstehen.

 
Eine so verstandene Wissenschaftstheorie muss im Gegensatz zu einem verbreiteten philosophischen Vorurteil eine empirische Wissenschaft sein, denn sie kann nicht auf die Überprüfung ihrer Aussagen an der historischen Realität verzichten (völlig unabhängig davon, welchen Existenzstatus man dieser Realität zuerkennt), wenn sie verlässliche und praktisch brauchbare Ergebnisse erzielen will. Tatsächlich gehen ja auch alle bekannten Autoren, die sich mit wissenschaftstheoretischen Problemen befassen, von dem Bild aus, das die Wissenschaften tatsächlich bieten. Auch das Argument, dass schließlich doch von allen diesen aposteriorischen Anteilen abstrahiert würde, geht ins Leere, da Gleiches auch für die Theorie der stets als empirisch bezeichneten Naturwissenschaften zutrifft.

 
Wenn die Wissenschaftstheorie die oben angedeuteten weit gespannten Aufgaben tatsächlich erfüllen soll, dann muss sie ernsthaft nach den höchsten wissenschaftlichen Standards betrieben werden. Bedauerlicherweise gibt es bis heute die einer angemessenen Behandlung der schwierigen Probleme abträgliche Auffassung, Wissenschaftstheorie sei keine Wissenschaft und müsse mit anderen Maßstäben gemessen werden, da sie beispielsweise zwangsläufig die Kriterien verletze, die sie selbst für die Wissenschaft aufstelle. Die ablehnende Haltung von Geisteswissenschaftlern und Philosophen gegen die Anwendung der Standards naturwissenschaftlicher Forschung in ihren Fachgebieten beruht durchweg auf dem unvollständigen und einseitigen Bild der Naturwissenschaften, das die Wissenschaftstheorie des 20. Jahrhunderts zeichnete. Bei der Wissenschaftstheorie kommt noch die Befürchtung hinzu, dass die Untersuchung der Methoden der Wissenschaft mit den Methoden der Wissenschaft auf einen fehlerhaften Zirkelschluss hinausliefe. Tatsächlich handelt es sich um ein iteratives Verfahren, bei dem man ausgehend von einer schlechteren Lösung unter Einbeziehung eines Gütekriteriums schrittweise zu immer besseren Lösungen gelangt. In der angewandten Mathematik ist das ein Standardverfahren, dessen Prinzip schon in Newtons regula falsi zur Nullstellenberechnung enthalten ist. Bei der schrittweisen Verbesserung der wissenschaftlichen Methoden ist das notwendige Gütekriterium durch die empirische Überprüfung der Schlussfolgerungen bzw. des Erfolgs der Anwendung gegeben.

 
Man verwickelt sich stets in Widersprüche, wenn man versucht, die Regeln für logisches und mathematisches Schließen auf die Möglichkeiten der Erfahrung anzuwenden. Das gilt z. B. auch für die Wiederholung einer Aussage, die in der Logik und in der Mathematik keinen Wert hat, weil sie nichts Neues bringt. Etwas salopp ausgedrückt: Durch Wiederholung wird ein Satz nicht wahrer. Für empirische Aussagen gilt das Gegenteil: Dort zählt nicht die einzelne Beobachtung oder Messung, sondern nur die große Zahl gleichartiger, aber unabhängiger Beobachtungen und Messungen. Darauf, dass das eigentlich mit den Grundsätzen der Logik unvereinbar ist, hat schon Hume hingewiesen und die Frage nach der Erklärung dieses Qualitätsunterschieds zwischen der einzelnen Beobachtung und wiederholten Beobachtungen gestellt. Philosophisch ist diese Frage nie befriedigend beantwortet worden. Das trifft übrigens entgegen landläufigen Meinungen auch auf den bekannten Humeschen Zirkel zu, wonach die Möglichkeit von Erfahrung nur durch Erfahrung erkannt werden kann. Der von Kant gewiesene Ausweg ist nur eine Scheinlösung, denn letztlich muss auch er die Erfahrung als eine durch Erfahrung gegebene Tatsache voraussetzen, um überhaupt sinnvollerweise von einer notwendigen Bedingung für die mögliche Erfahrung sprechen zu können, denn wenn es keine Erfahrung gäbe, dann brauchte auch diese Bedingung (die im übrigen viel zu scharf formuliert wurde) nicht erfüllt zu sein. Wie bei vielen theoretischen Problemen wird auch in diesem Falle eine bestehende grundsätzliche Schwierigkeit durch logisch-mathematische Transformationen nicht beseitigt sondern nur verlagert – sie tritt an anderer Stelle in anderem Gewand wieder auf.

 
Um die Verlagerung des Schwerpunkts von der Kritik der Wissenschaften zur Schaffung einer Theorie der Wissenschaften auch äußerlich zum Ausdruck zu bringen, erscheint es sinnvoll, von konstruktiver Wissenschaftstheorie zu sprechen. Kritik ist nach wie vor ein wichtiger Bestandteil der Arbeit, dessen Bedeutung und Umfang sogar noch zunehmen werden, sie ist aber nicht das Ziel. Im allgemeinsten Sinne sind Theorien gedankliche Konstruktionen, die bestimmte Bereiche der wahrnehmbaren Realität mehr oder weniger gut modellieren, so dass man einigermaßen zuverlässig im voraus abschätzen kann, was möglich und was nicht möglich ist, wie sich ein gegebener Zustand weiter entwickeln wird, welche Folgen bestimmte Handlungen haben und was zu tun ist, um ein gestecktes Ziel zu erreichen. Über diesen materiellen Nutzen hinaus stellen sie als gedankliches Weltbild ein Kulturgut von großem Einfluss auf die Lebensqualität dar; doch auch dafür ist das Bewusstsein der Gültigkeit dieses Bildes wesentlich. Jede Theorie beginnt mit ersten, ungeordneten und sporadischen gedanklichen Erfassung der Ergebnisse der Beobachtung der Umwelt und der Auswirkungen eigener und fremder Handlungen und sie wird im ständigen Abgleich mit neuen Beobachtungen und Erfahrungen immer weiter entwickelt. Eine wissenschaftliche Untersuchung solcher Prozesse muss sich demnach auf zweierlei erstrecken:

  1. Die Umsetzung von Wahrnehmungen in Gedankeninhalte (sprachliche Formulierung von Beobachtungen)
  2. Die Entwicklung von Gedankenmodellen (Strukturanalyse der Wahrnehmungen, Logik, Mathematik).

In den Einzelwissenschaften gibt es zu beiden Punkten umfassende, gründliche und sehr detaillierte Kenntnisse, die bisher in der professionellen Wissenschaftstheorie, die sich mehr auf allgemein gehaltene und weniger in die Tiefe gehende Darstellungen konzentrierte, kaum genutzt wurden. Es ist jedoch an der Zeit, auch diese mühsame und langwierige Kleinarbeit in Angriff zu nehmen, ohne die keine Wissenschaft auskommt.

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