Denken und Information

Mit wachsenden naturwissenschaftlichen Kenntnissen und den damit verbundenen technischen Fortschritten versuchte der Mensch, auch sich selbst besser zu erkennen. Das waren natürlich nur immer spezielle Aspekte, wenn auch weniger Weitblickende gern die Worte „Der Mensch ist nichts weiter als …“ in den Mund nahmen. Moses sprach (nach Luthers Übersetzung) vom Erdenkloß, wobei mit Erde Ton oder Lehm gemeint sein könnten, woraus man schon in der Frühzeit Figuren und Gefäße herstellen konnte. Als die Wissenschaft der Mechanik (Galileo Galilei (1564 – 1642), Isaac Newton (1642 -1727)) und mechanische Maschinen ihre erste Blüte hatten, verglich Julien Offray de Lamettrie (1709 -1751) den Menschen mit einer Maschine. Später sah man im lebenden Organismus eine chemische Fabrik. Moleschott (1822 – 1893) bezeichnete 1855 die Lehre vom Stoffwechsel als die „Angel, um welche die heutige Weltweisheit sich dreht“ und wies auf die Abhängigkeit der geistigen Tätigkeit vom Phosphorgehalt des Gehirns hin. Im 20. Jahrhundert führten neue Erkenntnisse über Steuerung und Regelung zur Kybernetik, die nach Wiener (1894 – 1964) auch für die Aufrechterhaltung aller Lebensvorgänge von Bedeutung ist. Weitere grundsätzliche Einsichten ergaben sich aus den Untersuchungen von Prigogine u. a. über die mit dem zweiten Hauptsatz verbundenen Effekte der Strukturbildung bei irreversiblen Prozessen und die Selbstorganisation. Schließlich haben uns jetzt Informationstheorie und Computertechnik die Augen für einen weiteren wichtigen Aspekt der Lebensvorgänge geöffnet.
Der Vergleich des bewussten menschlichen Denkens mit den Leistungen der Computer, der besonders auch durch die Bemühungen zur Schaffung einer „künstlichen Intelligenz“ eine objektive Basis für nicht nur qualitative, sondern vor allem auch quantitative, messende Vergleichsoperationen erhielt (die Möglichkeit zum quantitativen Vergleich wird tatsächlich erst durch diese Bemühungen geschaffen – das ist die praktische und erkenntnistheoretische Bedeutung dieser Bemühungen, die Karsten Weber so nicht sieht) – dieser Vergleich liefert ein bemerkenswertes Ergebnis: Die Überlegenheit des Computers bei allen logischen und mathematischen Operationen und seine Unterlegenheit bei den selbsttätig ablaufenden Vorgängen des Erkennens, Vergleichens und Bewertens. Das lenkt die Aufmerksamkeit darauf, dass die unwillkürliche, nicht bewusst gesteuerte Aufnahme der unserem Zentralnervensystem über die Sinnesorgane zugeführten Informationen nicht nur in einer Speicherung und einfachen Assoziationen der Daten besteht, sondern tatsächlich eine Informations- bzw. Datenverarbeitung erfolgt, die rein quantitativ um viele Größenordnungen über der liegt, die zur bewussten Anwendung auch der kompliziertesten logischen und mathematischen Regeln bzw. Vorschriften gebraucht werden, und die damit auch qualitativ auf einer höheren Stufe steht.
Diese automatische „Datenverarbeitung“, deren Leistung rein quantitativ (nicht inhaltlich) heute vielleicht gerade erst von den größten technischen Rechenanlagen erreicht wird, läuft bei allen höheren Lebewesen ab und ist eine Voraussetzung für die Sicherung des Lebens und die Erhaltung der Art. Aufnahme und Verarbeitung der Information sind zugeschnitten auf den Lebensbereich, für den beispielsweise das Erkennen und Unterscheiden der makroskopischen Gegenstände von Bedeutung, das Erkennen der atomaren Struktur aber völlig unwichtig ist. Es existieren feste Verknüpfungen, die in dieser Umwelt gelten, und Bewertungen, Vorlieben und Abneigungen, die für den Erhalt des einzelnen Lebewesens und der Art wichtig sind.
Auf dieser Basis baut das bewusste Denken auf, die bewusste Anwendung von Regeln. Eine wichtige Voraussetzung ist der Erwerb der Fähigkeit, oder der „Technik“, alte Vorstellungen zu erinnern, d. h. sie gegenwärtig zu machen – was man ebenso lernen kann, wie mit den Ohren zu wackeln. Das trifft auch für die bewusste Nutzung anderer primärer geistiger Fähigkeiten zu. Es handelt sich darum, einen sehr komplizierten Apparat, der an sich gewöhnt ist, nach „eigenem Ermessen“ zu handeln, für einfache Verrichtungen zu nutzen, die bezüglich ihrer Komplexität weit unter seinem Niveau liegen, wobei nochmals betont sei, dass mit den einfachen Verrichtungen nicht nur die Addition von 5 und 2, sondern auch Überlegungen, Berechnungen und Entscheidungen gemeint sind, die selbst für die bestausgebildeten Menschen an der Grenze ihrer Leistungsfähigkeit liegen.
Die Basis bildet also ein hochentwickeltes Datenverarbeitungssystem, das neben vielen grundlegenden Operationen zugleich auch viele „Voreinstellungen“ enthält, die unser Leben sichern. Dieses System ermöglicht es uns, bewusst zu denken und dabei die Informationen aus der Umwelt logisch und mathematisch zu verarbeiten. Das ist aber nur die eine Seite. Mindestens ebenso wichtig sind die Voreinstellungen, die festen Verknüpfungen und Vorurteile. Vorurteile sind etwas, was man bei wissenschaftlichen Untersuchungen überwinden muss; sie werden daher oft nur als negativ angesehen. Tatsächlich ist es aber nach Kant ohne a priori vorhandene Vor-Urteile gar nicht möglich, zu neuen Erkenntnissen zu gelangen.

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