| Nach der gewöhnlichen Auffassung untersuchen Naturwissenschaftler irgendwelche Vorgänge – die Bewegung einer Masse unter der Einwirkung einer Kraft, eine Strömung durch ein Rohr, die Ausbreitung elektromagnetischer Wellen, die Wechselwirkung von Elementarteilchen usw. – und finden so die dafür gültigen Gesetzmäßigkeiten. Wenn zwei Forscher zu unterschiedlichen Formulierungen gelangen, dann wird davon ausgegangen, dass es nur eine richtige zugeordnete Formulierung gibt und demzufolge entweder mindestens einer von beiden einen Fehler gemacht hat oder nur noch nicht bemerkt wurde, dass die unterschiedlichen Formulierungen mathematisch äquivalent sind und in jedem Anwendungsfalle dasselbe Ergebnis liefern. Man verhält sich mithin so, als werde das Gesetz (bis auf die Möglichkeit verschiedener äquivalenter Formulierungen) eindeutig durch die Naturvorgänge bestimmt, als sei es ein Naturgesetz, das gewissermaßen vor seiner Erforschung da ist (natürlich nicht in unserer sprachlichen und mathematischen Formulierung) und von den Forschern nur entdeckt wird. Das ist aber durchaus fraglich. |
| Jedes Naturgesetz (Energieerhaltungssatz, Fallgesetze, Ausbreitung elektromagnetischer Strahlungen usw.) ist für uns ein Begriff, in dem wir gleichartige Erscheinungen zusammenfassen. Es gleicht in dieser Hinsicht den Universalien, den Allgemeinbegriffen (Baum, Tier usw.) des täglichen Lebens. Der Unterschied besteht lediglich in der schärferen Definition und der mathematischen Formulierung als Bestandteil dieser Allgemeinbegriffe der Naturwissenschaften. Die sehr alte Frage ist nun: Kommt diesen Universalien eine Realität zu oder sind sie nur gedankliche Konstruktionen? Die Entwicklung der Naturwissenschaften zeigt, dass offensichtlich das letztere der Fall ist. Relativitätstheorie und Quantentheorie haben Gesetze, die bis dahin als absolute Wahrheiten erschienen, zu guten Näherungen degradiert, die nur unter bestimmten Bedingungen gelten. Es gibt in den Naturwissenschaften kein direktes Verfahren zum Beweis der Gültigkeit einer Gesetzmäßigkeit; alle formulierten Gesetze werden so lange als gültig und für Berechnungen brauchbar angesehen, wie trotz vieler Kontrollversuche auf allen möglichen Anwendungsgebieten kein experimenteller Gegenbeweis erbracht werden kann. Es kann sich darum nicht um in der Natur vorhandene, nur zu entdeckende Gesetze handeln. |
| Als erkenntnistheoretischen Konstruktivismus bezeichnet man die Auffassung, dass alle beim Erkenntnisprozess formulierten Gesetze und Begriffsbildungen Erfindungen sind. Betrachtet man die Art und Weise der Auffindung neuer Gesetzmäßigkeiten näher, dann kann man diese Auffassung nur unterstützen. Die Anstrengungen, die erforderlich sind, um von einer Menge empirischer Daten einer experimentell untersuchten neuen Erscheinung zur Formulierung einer Gesetzmäßigkeit zu gelangen, die nicht einfach der Spezialfall einer bereits bekannten ist oder durch die mathematische Kombination bekannter hergeleitet werden kann, entsprechen ihrer Natur nach völlig denen einer Erfindung im herkömmlichen Sinne. |
| E. v. Glasersfeld kennzeichnet den Konstruktivismus so: „Wahrnehmung und Erkenntnis wären demnach konstruktive und nicht abbildende Tätigkeiten“ und weiter: „Das heißt, dass wir in der Organisation unserer Erlebenswelt stets so vorzugehen trachten, dass das, was wir da aus Elementen der Sinneswahrnehmung und des Denkens zusammenstellen – Dinge, Zustände, Verhältnisse, Begriffe, Regeln, Theorien, Ansichten und, letzten Endes, Weltbild – so beschaffen ist, dass es im weiteren Fluss unserer Erlebnisse brauchbar zu bleiben verspricht.“ Dieses „brauchbar bleiben“ wird in Anlehnung an Wittgenstein auch als „passen“ bezeichnet. |
| Betrachtet man das Bild, das uns die vielfältigen Anwendungen des Konstruktivismus bieten, unter eben diesem konstruktivistischen Gesichtspunkt, so kann man sich doch gewisser Zweifel an der Brauchbarkeit des Konstruktivismus oft nicht erwehren. Die Erfolge der Naturwissenschaften lassen sich nicht leugnen, die Richtigkeit oder – wenn man so will – Brauchbarkeit ihrer Ergebnisse wird durch die darauf fußende moderne Technik vollauf bestätigt. Die forschenden Naturwissenschaftler waren sich auch gewöhnlich dessen bewusst, dass die für die Fortführung ihrer Arbeit immer wieder nötigen Hypothesen Erfindungen oder Konstruktionen sind, aber sie waren nicht Konstruktivisten, d. h. ihr Ziel waren nicht „brauchbar bleibende“ Theorien, sondern Theorien, die das Verhalten der beobachtbaren und als vorhanden angenommenen Realität so gut wie möglich wiedergeben; nach Glasersfeld waren sie „der Illusion verfallen, dass die »empirische« (d. h. erlebensmäßige) Bestätigung einer Hypothese oder der Erfolg einer Handlungsweise Erkenntnis einer objektiven Welt bedeuten“. Es ist aber so gut wie sicher, dass ohne die Idee einer erkennbaren „objektiven Welt“ die naturwissenschaftliche Forschung überhaupt nicht in Gang gekommen wäre. Diese Idee gehört zu den brauchbarsten und passendsten Erfindungen der Menschheit. Wäre es nur um „brauchbar bleibende“ Theorien ohne das Ziel der Erforschung einer gedachten „objektiven Welt“ und die Erfüllung der sich daraus ergebenden Kriterien gegangen, dann wäre als Ziel und Maß für die Brauchbarkeit im wesentlichen nur ihre Eignung zur Erlangung von Amt und Würden geblieben – wie viele Jahrhunderte zuvor. Man könnte zwar der Meinung sein, das sei übertrieben, denn das Ziel der Brauchbarkeit für ein technische Nutzung sei ja doch auch immer vorhanden gewesen. Das stimmt zwar in Einzelfällen. Die heutigen wissenschaftlichen Erfolge sind aber ohne die gesellschaftliche Arbeitsteilung und Spezialisierung nicht denkbar. Jeder liefert dem anderen seine Produkte zur Nutzung, der Mathematiker dem Naturwissenschaftler, dieser dem Ingenieur und so weiter. Wozu eine naturwissenschaftliche Entdeckung alles gebraucht werden kann, lässt sich vorher gar nicht bestimmen. Der Gedanke erscheint völlig abwegig, dass Planck im Hinblick auf die Brauchbarkeit des Ergebnisses beispielsweise für den Bau eines Lasers hätte nach der besten Strahlungsformel suchen sollen, denn er konnte zu Beginn weder wissen, dass sich dabei die Notwendigkeit der Einführung eines Wirkungsquants ergab, noch welche Folgerungen sich daraus ergeben würden. Das Kriterium des „Brauchbarbleibens“ ist nicht nur bei solchen herausragenden Ergebnissen praktisch völlig unbrauchbar. |
| Aus konstruktivistischer Sicht ist die Idee der Existenz und Erkennbarkeit einer objektiven Welt bestenfalls eine Konstruktion. Sie wird jedoch, wie man leicht feststellt, von Konstruktivisten nicht als solche behandelt, sondern trotz ihrer offenkundigen Brauchbarkeit vollständig, d. h. auch als Konstruktion, abgelehnt. Das führt auf die Fragen der Zulässigkeit, Rechtfertigung und Bewertung von Konstruktionen. |
| Konstruktionen als schöpferische Leistungen |
| Der Begriff „Konstruktion“ bezog sich ursprünglich nur auf den schöpferischen Akt bei der Herstellung körperlicher Gegenstände und auf das Ergebnis dieser Handlung. Wenn nach der Übertragung dieses Begriffs auf kognitive Handlungen das Problem der Bewertung auftritt, so ist es sicherlich sinnvoll, die Bewertung der Konstruktionen im ursprünglichen, engeren Sinne zum Vergleich heranzuziehen. Dabei stößt man auf bemerkenswerte Unterschiede. |
| In konstruktivistischen Texten wird häufig ausdrücklich betont, dass es sich bei irgendwelchen Theorien nur um Konstruktionen handele. Auch technische Geräte – Flugzeuge, Computer, Werkzeuge usw. – und Kunstwerke sind Konstruktionen, aber sicherlich käme niemand auf die Idee, von solchen schöpferische Leistungen zu sagen, es seien ja nur Konstruktionen. Wie die Verwendung des Wortes „nur“ (möglicherweise ganz unbeabsichtigt) zum Ausdruck bringt, neigen Konstruktivisten offenbar bisweilen zu einer gewissen Geringschätzung von Konstruktionen. Sätze wie „dass wir nicht alle Konstruktionen von jedermann gleichermaßen tolerieren können, nur weil es Konstruktionen sind“ lassen darauf schließen, dass der Konstruktivismus noch erhebliche Defizite in der Frage der unterschiedlichen Bewertung von Konstruktionen hat. Es gibt zwar das Kriterium der Viabilität oder Brauchbarkeit, aber man findet keine allgemein akzeptierten Regeln oder auch nur gute Beispiele für dessen sachgerechte Anwendung. Zuweilen wird das Kriterium auch dadurch aller Kraft beraubt, dass man es auf die Aussage „man kann damit leben“ reduziert. |
| Wie sieht es nun mit der Bewertung von Konstruktionen auf anderen Gebieten des Lebens aus? Bei Kunstwerken ist sie gewöhnlich ebenfalls problematisch, aber man widmet dieser Frage wenigstens mehr Aufmerksamkeit. Bei der Bewertung technischer Geräte geht es etwas sachlicher zu, und wenn es auch dort nicht ohne Widersprüche abläuft, kann man doch sehr viel daraus lernen. |
| Als Grundlage für die Bewertung der Güte eines technischen Geräts (und damit natürlich seiner Konstruktion) muss man zunächst konkrete Kriterien festlegen: Qualität der Erfüllung der gestellten Aufgabe, Betriebssicherheit, Betriebsdauer, Wartungsarbeiten, Herstellungskosten, Betriebskosten, Masse, Raumbedarf, Aufwand-Nutzen-Verhältnis, Design usw. Diese Kriterien und ihre Bewertung müssen von außen vorgegeben werden. Bei Anwendungen des Konstruktivismus fehlt oft die explizite Ausweisung solcher Vorgaben und es entsteht der Eindruck, als sollten sie ersatzweise aus den Prinzipien des Konstruktivismus hergeleitet werden, was natürlich nicht geht und zu unentscheidbaren Fragen führt. |
| Die Bewertung konkurrierender Konstruktionen für die Lösung einer bestimmten Aufgabe ermöglicht die begründete Anerkennung oder Zurückweisung von Konstruktionen und sie spornt die Konstrukteure zur ständigen Verbesserung der Konstruktionen für die möglichst ökonomische Lösung der gestellten technischen Aufgabe bei gegebenen Ressourcen und anderen Nebenbedingungen an. Das führt bemerkenswerterweise auch bei unterschiedlichen Ausgangslösungen zu einer zunehmenden Angleichung der Konstruktionen. Da bei der Darstellung der Grundlagen und den Anwendungen des Konstruktivismus anscheinend bisher die Bewertung von Konstruktionen weniger im Mittelpunkt des Interesses stand, ist es nicht verwunderlich, dass das auch für die Mechanismen der Weiterentwicklung gilt. |