Man schreibt die Trennung von Leib und Seele, von Körper und Geist gewöhnlich Descartes zu; doch schon im 1. Buch Mose Kap. 2. 7. lesen wir in der Luther’schen Übersetzung: "Und Gott der Herr machte den Menschen aus einem Erdenkloß und blies ihm ein den lebendigen Odem in seine Nase. Und also ward der Mensch eine lebendige Seele." So wurden Leib und Seele zumindest in den an das Alte Testament anknüpfenden Kulturen und Religionen seit jeher als die beiden konstituierenden Bestandteile des Menschen angesehen, und das dürfte auch so bleiben. |
Nach Descartes ist der Mensch, was seinen Leib als solchen anlangt, eine Maschine. Der lebendige Körper sei wie eine Uhr, die aufgezogen wurde. Die Einzelbewegungen des Leibes "werden von der Hitze des Herzens erweckt und erfolgen im Gehirn, den Nerven und Muskeln ebenso natürlich wie die Bewegungen einer Uhr durch die bloße Kraft einer Feder und die Gestalt ihrer Räder" |
| Descartes sah keinen grundsätzlichen Unterschied zwischen den Bewegungen des menschlichen Leibes, den Bewegungen von Tieren und den Bewegungen unbelebter Mechanismen. Aus heutiger Sicht besteht die Gemeinsamkeit in der Möglichkeit der objektiven Untersuchung und Beschreibung mit den Methoden der Naturwissenschaften und der durchgängigen Gültigkeit der physikalischen und chemischen Grundgesetze. Eine solche Kennzeichnung ist mit der Descartes’schen Darstellung vereinbar, die natürlich nur Bezüge auf das wenige enthalten konnte, was damals bekannt war, z. B. auf den von William Harvey 1619 entdeckten Blutkreislauf. Descartes nahm an, dass die einzelnen Bewegungen des lebendigen Körpers durch so genannte Lebensgeister verursacht würden. Das seien sehr kleine Körper, die sich wie die Teile der Flamme einer Fackel sehr schnell bewegten. Sie würden in den verschiedenen Teilen des Körpers durch das Blut und seine Wärme erzeugt und vom Herzen aus über das Gehirn zu den verschiedenen Muskeln geleitet. |
| Diese Hypothesen, die sich dem damaligen Kenntnisstand entsprechend fast nur auf mechanische und thermische Vorgänge bezogen, sind heute bestenfalls noch von historischem Interesse. Durch sie kommt aber unmissverständlich zum Ausdruck, dass Descartes zu den leiblichen Funktionen alles das zählt, was auch in der unbelebten Natur auftritt und durch Maschinen ausgeführt werden kann. |
| Weil aber bisher unterschiedslos alle geistigen Aktivitäten, die noch nicht maschinell nachgebildet werden konnten, der Seele zugeschrieben wurden, stehen wir heute plötzlich vor der Situation, dass die Maschinen scheinbar in Bereiche vordringen, die der Seele vorbehalten waren. Damit wurde aber nicht die Grenze zwischen Leib und Seele überwunden, wie manche meinen, sondern es zeigt sich, dass die Grenze anders zu ziehen ist. Heute lässt sich schon sehr vieles von dem auf Maschinen übertragen, was üblicherweise als „geistige Arbeit“ bezeichnet wird: Durchführung von Berechnungen, Umformung mathematischer Ausdrücke, Übersetzung von Texten in andere Sprachen, Erkennen und Benennen von sichtbaren Gegenständen usw. Dabei spielt es angesichts der rasch voranschreitenden Entwicklung für grundsätzliche Überlegungen keine Rolle, dass die Leistungen der Maschinen bei komplizierteren Aufgaben, wie z. B. Übersetzung literarischer Vorlagen, gegenwärtig noch sehr zu wünschen übrig lassen und die Erkennungsaufgaben auf spezielle Fälle, z. B. die Erkennung von Banknoten und Fälschungen, beschränkt sind. Obwohl es bisher noch keine Maschine gibt, die so genannte schöpferische Leistungen erbringt, wäre es doch gewagt, das von vornherein als unmöglich zu bezeichnen, denn das Problem scheint weniger in der technischen Realisierung zu liegen, als in der Tatsache, dass wir noch nicht wissen, wie schöpferische Leistungen eigentlich zu Stande kommen. |
| Was sich nach heutigen Kenntnissen wahrscheinlich nie wird maschinell nachbilden lassen, sind die Leiden und Leidenschaften der Seele. Descartes nennt in seinem Werk „De passionibus animae“ Verwundern, Liebe, Haß, Begehren, Freude und Traurigkeit die sechs ursprünglichen und einfachen Leidenschaften; alle anderen seien entweder daraus zusammengesetzt oder bildeten Unterarten davon. Diese Affekte sind oft mit Gedankeninhalten verbunden, richten sich auf diese oder werden durch diese hervorgerufen. Dadurch entsteht der Eindruck einer engen Verbindung zwischen dem Denken und den Zuständen der Seele. Dass das nicht der Fall ist zeigen die Beispiele scheinbar grundloser Niedergeschlagenheit oder einer allein durch das körperliche Wohlbefinden und eine angenehme Umgebung erzeugten freudigen Gemütsstimmung. Auch für andere Affekte kann oft kein rechter Grund angegeben werden. |
| Von dieser Seite her besteht also kein Grund für die Ansicht, dass gedankliche Aktivitäten, wie sie beim Erkennen von Gegenständen und Situationen, bei logischen Schlussfolgerungen usw. auftreten, eine engere Beziehung zu Seelenzuständen haben als körperliche, denn Seelenzustände werden nicht nur verbal, sondern auch durch Miene und Haltung ausgedrückt und können nicht nur durch Gedanken und Mitteilungen, sondern auch durch Arzneimittel, Umwelteinflüsse und den physischen Zustand des Menschen beeinflusst werden. Da heute sowohl körperliche als auch geistige Tätigkeiten mit naturwissenschaftlichen und mathematischen Methoden untersucht und mit Maschinen nachgebildet werden können, sind diese insgesamt dem zuzuordnen, was herkömmlicherweise als Leib bezeichnet wurde. |
| Wegen der offensichtlichen Analogien zwischen körperlichen und geistigen Tätigkeiten, die schon früher zu Veranschaulichungen genutzt wurden, dürfte die Vorstellung einer engeren Zusammengehörigkeit auf keinen erheblichen Widerstand stoßen. Ungewohnter hingegen erscheint die klare Trennung von geistigen Tätigkeiten und Seelenzuständen, die bisher wegen fehlender Unterscheidungskriterien fast immer gemeinsam und oft als fest verbundene Komplexe behandelt wurden. So sind im Begriff der Erkenntnis Denken und Bewusstsein enthalten; dass ein Wesen ohne Bewusstsein Erkenntnisse hat, ist unvorstellbar. Das führt dann zu der Annahme, man könne mit der maschinellen Modellierung des Denkens schließlich auch das Problem des Bewusstseins lösen. In diesem Zusammenhang findet man gelegentlich eine Begriffsverschiebung und -verengung, indem Bewusstsein auf Selbstbewusstsein und damit auf einen reinen Gedankeninhalt reduziert wird, der sich natürlich wie jedes Informationsgebilde maschinell modellieren lässt. Der ursprüngliche Begriff des Bewusstseins enthält aber auch das bewusste Erleben, das auf diese Weise als Problem völlig zu verschwinden scheint. |